Eingetragen von Bernd Stromenger am 10.12.2021

Das Gesundheitsamt stellt wiederholt Hygienemängel bei Corona-Teststationen fest.
Redaktionsmitglied Julia Weller

Karlsruhe. Eine provisorische Holzhütte auf dem Gehsteig, ein Zelt vor der Dönerbude oder nur ein Pavillon im Hauseingang: Corona-Teststationen gibt es in Karlsruhe in verschiedensten Formen und Farben. Neben Arzt- und Zahnarztpraxen, Apotheken, Laboren, Rettungs und Hilfsorganisationen können laut Corona-Testverordnung auch Privatpersonen Teststationen eröffnen und Geld für durchgeführte Tests erhalten, sofern sie einen Auftrag des örtlich zuständigen Gesundheitsamts erhalten haben.

Bereits im Frühjahr gab es deutschlandweit Beschwerden darüber, dass sich unseriöse Anbieter mit gefälschten Abrechnungen eine goldene Nase verdienen würden. Die Regeln wurden nachgebessert, die Vergütung verringert – doch seit die kostenlosen Bürgertests zurück sind, gibt es neue Sorgen. Mitten in der vierten Welle stellt sich nun die Frage, ob Teststationen auch in Karlsruhe überhaupt so sauber arbeiten, dass sie einen Beitrag zur Pandemiebekämpfung leisten können.

„Es gibt ganz viele Standards, die oft überhaupt nicht erfüllt sind“, kritisiert etwa der Apotheker Felix Maertin. Er bietet in seinen Mühlburger Apotheken schon lange Schnell- und PCR-Tests an – und er hat einen Brandbrief an die Politik geschrieben, weil er mit Teststationen privater Betreiber in Karlsruhe diverse schlechte Erfahrungen gemacht hat.

So habe beispielsweise sein Sohn einen Spucktest durchführen sollen, für den der kleine Junge gar nicht ausreichend Speichel produzieren konnte. Dem Testpersonal war das egal, schildert Maertin, ein negatives Zertifikat habe die Familie trotzdem bekommen. Allerdings nur in einer unverschlüsselten E-Mail und ohne Anbindung an die Corona-Warn-App, die eigentlich gesetzlich vorgeschrieben ist, wenn Test-Anbieter ihre Leistungen abrechnen möchten. Und: Das Personal an der Teststation habe die Maske unter der Nase getragen, ein Visier oder eine Schutzbrille seien nicht vorhanden gewesen, und auch die Abstände zwischen den Wartenden seien nicht eingehalten worden. Ein Streifzug der Redaktion vorbei an verschiedenen Teststationen in der Stadt bestätigt dieses Bild.

„Als überaus engagierter Gesundheitsdienstleister vor Ort sind diese Zustände nicht zu ertragen“, schreibt Maertin in seinem Brief, den er unter anderem an das Karlsruher Rathaus, das Landratsamt, das baden-württembergische Sozialministerium, die Kassenärztliche Vereinigung und den Apothekerverband geschickt hat. „Wieso weise ich beim Gesundheitsamt auf katastrophale Zustände bei Stationen hin, ohne jegliche Konsequenzen?“

Am meisten Sorgen macht sich Maertin wegen der winterlichen Temperaturen: Corona-Schnelltests dürften bei weniger als 15 Grad gar nicht verwendet werden, sagt der Apotheker. „Die müssen eine Stunde vor Nutzung auf mindestens 15 Grad gebracht werden, sonst erzeugen sie jede Menge falsch-positive Ergebnisse.“ In den Holzhütten oder Zelten, die vielerorts für Testungen genutzt werden, sei es schlichtweg zu kalt, um die Testkits angemessen zu lagern und zu verwenden.

Laut dem Landratsamt Karlsruhe, dessen Gesundheitsamt für die Beauftragung von Teststationen in Stadt- und Landkreis zuständig ist, müssen Betreiber im Rahmen ihrer Anmeldung bestätigen, dass die Temperaturvorgaben zur Lagerung eingehalten werden und die Lagerungstemperatur kontrolliert wird.

Außerdem ist eine ärztliche Schulung des Personals und die Anbindung an die Corona-Warn-App erforderlich. „Das Gesundheitsamt darf eine Beauftragung ablehnen, wenn die oben genannten Punkte und Nachweise nicht erfüllt sind“, so eine Sprecherin. Für den Stadt- und Landkreis seien bislang fünf Beauftragungen im Rahmen des Anmeldeverfahrens zurückgezogen worden.

Es werde ein Hygienekonzept verlangt und „bei Bedarf “ geprüft, erklärt das Landratsamt. Bei insgesamt mehr als 1.000 Teststellen in Stadt- und Landkreis liege die Priorität beim Personaleinsatz des Gesundheitsamtes allerdings aktuell auf der Bearbeitung neuer Anfragen für weitere Stationen und der Beauftragung ihrer Betreiber – „um dem Boom bei der Nachfrage nach Tests gerecht zu werden“.

Konkreten Beschwerden zu einzelnen Teststationen gehe man aber nach, zusätzlich gebe es stichprobenartige Kontrollen. „Überprüft werden können: Einhaltung der Abstände, Hygienemanagement, Ausstattung, Zertifikate über durchgeführte Schulungen, Handhabung der Tests entsprechend den Testvorgaben.“ Die korrekte Abrechnung wird durch die Kassenärztliche Vereinigung geprüft. „Bei Kontrollen fielen immer wieder Hygienemängel auf“, schreibt das Landratsamt.

Im Gesundheitsamt wundert man sich ebenfalls über die geringe Positiv-Rate: Zwar habe erst ein Drittel der Teststellen die Ergebnisse für November gemeldet, doch eine Positiv-Rate von deutlich unter einem Promille passe nicht zu den derzeitigen Infektionszahlen. „Wir gehen davon aus, dass nicht an allen Teststellen mit der gleichen Qualität gearbeitet wird, so dass mit einem nicht näher zu bezifferndem Anteil falsch-negativer Tests gerechnet werden muss.“ Bei hoher Viruslast sollten die Tests aber in der Regel auch positiv werden, so das Landratsamt.

Laut Apotheker Maertin müsste die gemeldete Positivrate „mindestens um den Faktor zehn höher sein“. Er fragt sich auch, warum Teststationen nicht zwingend PCR-Tests anbieten müssen. „Ich habe so viele Teststationen um mich herum, doch die erzeugen keine positiven Schnelltestergebnisse, die dann zur PCR-Abklärung zu mir in die Apotheke kommen würden.“

Die Ergebnisse der Schnelltests in seinen Apotheken würden immer ungefähr den Karlsruher Inzidenzen entsprechen und damit weit über denen von privat geführten Teststationen liegen. Überrascht ist Maertin allerdings nicht über die wenigen positiven Ergebnisse in der Stadt: „Wenn man wie mein Sohn ein einziges Tröpfchen in eine Tüte spuckt, wird das nie zu einem positiven Ergebnis führen, weil da faktisch keine Virenlast drin ist.“ Die Entscheidung des Bundes, Teststationen auch durch Private betreiben zu lassen, bezeichnet der Karlsruher Apotheker in seinem Schreiben als „Geld-Verbrennungsmaßnahme“ und fatalen Fehler. „Und wenn man schon eine solche Entscheidung trifft, dann müssen Stationen vor Genehmigung abgenommen werden.“

Quelle: BNN Artikel vom 10.12.2021